Mince pies #2 | Künstler + Gäste der Galerie

Mince pies #5 | Künstler der Galerie und Gäste
11. Dezember 2011 – 14. Januar 2012
 
Iris Thürmer, Holger Lippmann, Victor Kégli
Thomas Sander, Natascha Pötz, Michael Soltau
Claudia Kapellusch, Mike Strauch, Gottfried Müller

Foto © Thomas Hätzschel | nordlicht

Matthias Schümann – Ironische Schau mit Langzeitwirkung»

Nichts für Eilige: wolkenbank zeigt Künstler der Rostocker Galerie und Gäste.

Rostock – Kunst und Kontemplation haben nicht ganz umsonst den selben Anfangsbuchstaben: Wer eiligen Schrittes an der Kunst vorbeiläuft, nimmt allenfalls Material wahr und bleibt unempfänglich für den großartigen Reflexionsraum, den Kunstwerke dem Betrachter bieten. So ist es durchaus doppelbödig, wenn Galerist Holger Stark die aktuelle Gruppenausstellung mit dem Sammeltitel „Mince Pies #2“ in seiner Galerie wolkenbank kunst+räume unter das Motto „Sehr in Eile sein“ stellt. Denn keine Zeit zu haben, betrifft ja Künstler ebenso wie Betrachter.

Das Ergebnis der launigen Themenvorgabe ist erstaunlich – und nun in der Rostocker Galerie wolkenbank zu sehen. Ein Künstler wie Gottfried Müller griff die Vorgabe brachial-ironisch auf und schickte den rasch hingekritzelten Entwurf eines Kunstwerks nebst Brief mit Entschuldigung, die Realisierung aus Zeitmangel nicht angegangen zu sein. Größer könnte die Fallhöhe kaum sein: Am anderen Ende des Raumes verlangt die Installation „polar oder die unvollständige geschichte der unverfolgbarkeit der zeit“ von Claudia Kapellusch den Besuchern Einiges ab. An der Wand eine abstrakte Zeichnung, in Acrylglas gegossen, davor ein großer transparenter Kunststoffball. Der Handzettel liefert zudem eine historische Hintergrundgeschichte von einer Nordpolexpedition per Ballon, die einen interessanten Denkanstoß liefert, der aber beim Entschlüsseln der Installation kaum weiterhilft. Thema sei ein gewisser „Irrsinn“ der Welt, so die Künstlerin. Ein Mix aus Überproduktivität, Fortschrittshörigkeit und – Eile. Das Schattenhafte der gezeichneten Form korrespondiert mit der Aufgeblasenheit des Gummiballs, der als Pendant eines Weltbilds ebenso taugt wie als Kugel, in die Clowns schlüpfen. Unmöglich, dies auf die Schnelle zu assoziieren.

Mit den anderen Werken verhält es sich ähnlich. Natascha Pötz türmt ein feingezeichnetes Gebirgsmassiv auf, um es im zweiten Bild von einer Eisenbahnlinie zu durchschneiden. Iris Thürmer erkundet im Gemälde eine „Nachtfahrt“, während der aus horizontalen grün-gelben Streifen immer wieder Nachtschwärze durchbricht wie das Grauen en passant. Michael Soltau zeigt in einer Fotografie den Schnappschuss einerAutobahn, nahe Abfahrt Pasewalk, wo nach Wolkenguss der Wagen vor ihm vom plötzlichen Sonnenstrahl förmlich aufgelöst wird – quasi als göttlicher Fingerzeig.

Mit dem Finger Gottes befasst sich auch Thomas Sander im wohl ironischsten Werk derAusstellung. In „No Connection“ begegnen sich auf kleinem Bildschirm Gottes und Adams Hand aus dem berühmten Gemälde „Die Erschaffung Adams“. Die Hände kommen zueinander – aber sie berühren sich nicht, ein permanentes Flattern der Finger sorgt dafür, dass der Funke nicht überspringt.

Weit ruhiger sind aktuelle Landschaften von Mike Strauch, die immer wieder vorüberziehende Phantasie-Landschaften darstellen könnten. Eine Interpretation, die für Eilige taugt, die aber jenem, der vor den Bildern verharrt, über kurz oder lang zu einseitig wird.

Zum Stillstand gebrachte Video-Arbeiten von Holger Lippmann und ein Projekt von Viktor Kégli, bei dem ein Waldstück in Luxemburg von einer Bundeswehrbombe getroffen werden sollte, und das nicht realisiert werden konnte, weil die Zeit darüber hinweg ging, vervollständigen die Schau. Dass sie einen erheblichen Spaß-Faktor enthält, macht sie zudem völlig, pardon, zeitgemäß.

Matthias Schümann, Ostsee Zeitung, 13. Dezember 2011

 

by holger | Posted in 2011 | Kommentare deaktiviert |